Bommels und Ozielitos erstes Seminar 1989

 

 

Maries Überzeugungsarbeit.

 

 

Eines Abends, saß Ozelito gemütlich auf der Sitzgarnitur und beobachtete Marie. Sie trug alle möglichen Gegenstände zusammen. „Was wird das?“, dachte er bei sich. Da kam auch schon die Antwort: „Ozelito, wir gehen morgen auf Reisen!“ „Aha, und wohin?“ wurde er neugierig. Doch er musste sich gedulden, es kam keine Antwort. Also hopste er mal eben zu seinen Kollegen Bommel. Der putzte gerade einen seiner geliebten Rennautos. „ He Bommel, ich glaube wir werden morgen verreisen! Marie ist am Kofferpacken.“ „Cool“, kam es von ihm zurück „an welche Rennstrecke fahren wir?“ „Das ist mal wieder typisch für dich. Du hast auch nichts als deine Formel 1 im Kopf!“ „Wieso, “ entrüstete sich Bommel, „Gibt es etwas Schöneres, als den Duft von Boliden und das herrliche Geräusch der Motoren?“ begann er zu schwärmen. „Ja, das gibt es bestimmt! Nämlich den traumhaften Klang eines Orchesters, den himmlischen Gesang der Tenöre, Soprane und Baritone“ schwärmte Ozielito hingeberisch. Schon war das schönste Streitgespräch im Gange. Und wenn ein kleiner temperamentvoller Mexicaner und ein kecker Guardian Angel diskutieren fliegen immer die Fetzen. Das Gezeter rief Marie auf den Plan. Sie ging dazwischen. „Was ist hier schon wieder los?“ trennte sie die beiden Streithähne. „Ach der mit seiner Formel 1 Macke!“ „ Und du? Ewig muss ich mir dieses blöde klassische Gedudel anhören! Dein ist mein ganzes Herz…..“ äffte Bommel Ozielito nach. Der hatte schon wieder mal seine verdächtige rote Mexicofarbe im Gesicht angenommen. Und drohte gleich zu explodieren. „Stopp!! Ruhe jetzt!!“, fuhr Marie dazwischen. „Ich mag euere ewigen Diskussionen nicht mehr hören, verstanden? Packt lieber eure sieben Sachen zusammen. Wir werden Morgen für eine Woche in ein Seminar  nach Braunschweig fahren“. Bommel und Ozielito schauten Marie verständnislos an. „Och, kein Besuch bei der Formel 1?“ brummte Bommel enttäuscht. „Bitte, was ist ein Seminar?“ wollte Ozielito wissen. „Das ist eine Schulung.“ begann Marie zu erklären. „Es treffen sich einige Leute, die zusammen ein bestimmtes Thema bearbeiten. Das kann einen Tag dauern, oder wie wir es erleben werden, eine Woche lang. Wir fahren morgen mit meiner Kindergruppe und Clemens eine Woche nach Braunschweig in das Jugendgästehaus.“ „Ah ja, und was bearbeiten wir dort?“ wollte Bommel jetzt wissen, der neugierig geworden war.

 „Wie ihr wisst, führe ich mit meiner Kindergruppe jedes Jahr ein Theaterstück zur Weihnachtszeit auf. Na und in diesem Jahr soll es etwas Besonderes werden.

Wir wagen uns an die Inszenierung der Oper „Hänsel und Gretel“ von Humperdinck. Na ja und so ein großes Projekt schüttelt man nicht so eben aus dem Handgelenk. Wir wollen es gemeinsam mit den Kindern entwickeln. Wir werden gemeinsam den Text schreiben, die Musik aussuchen, die Kulissen bauen und proben. Das wir ein hartes Stück Arbeit. Die Kinder sind motiviert bis in die Haarspitzen. Zumal sie noch nie ein Seminar besucht haben. Und so weit ich weiß, gab es so ein Projekt für Kinder noch nicht.“ In Ozielitos Augen begann ein Sternenhimmel zu stahlen. Er schwebte schon am Opernhimmel, da war keine weitere Überzeugungsarbeit nötig. Um seinen Koffer zu packen, verschwand er blitzartig.

Natürlich nicht ohne inbrünstig ein Lied zu schmettern.

 

Bei Bommel zogen sich düstere Wolken über sein Haupt zusammen. Die Reaktion blieb Marie natürlich nicht verborgen. Jetzt hieß es, diplomatisch sein.

„Bommelchen, nun schau nicht so! Warte es ab, dass wird auch für dich toll! Ich verspreche es dir. Du wirst jede Menge Spaß haben mit den Kindern, Clemens und mit mir.“ Bommel überlegte einen Moment, dann fragte er nach:

„Wer ist dieser Clemens?“ Wahrscheinlich versprach er sich einen neuen Kumpel, mit dem er allerlei Unsinn anstellen konnte. Marie gab eine Kurzbeschreibung.“ Clemens ist derzeit Zivildienstleistender bei der AWO. Er ist mir zugeteilt, mich in der Kindergruppenarbeit zu unterstützen. Wir sind ein Superteam. Wir verstehen uns blind. Wie man so schön sagt, wir sprechen die gleiche Sprache. Hat Einer eine Idee von uns, kann der Andere sie wundervoll ergänzen. Bei so einem Gedankenaustausch ist auch dieser Plan mit dem Seminar entstanden. Ich bin sicher, du wirst dich prima mir ihm verstehen. Du wirst ihn ja morgen kennenlernen.“ „Na, ich weiß nicht“, knurrte Bommel „ was soll ich bei der Oper? Da ist der Mexicaner besser aufgehoben.“ „Oh nein mein Lieber, “ warf Marie ein „ das irrst du dich aber gewaltig! Wer soll den die Oberaufsicht des Kulissenbaus übernehmen? Das kann doch Ozielito überhaupt nicht. Dafür bist du doch der Spitzenmann, meinst du nicht?“ „Hm, hast recht der Möchtegernopernsänger kann ja noch nicht mal einen Nagel in die Wand hämmern.“

 

Marie hatte gewonnen. Gar nicht mehr brummig zog Bommel davon, um auch seinen Koffer zupacken.    

 

Es geht los.

 

Am nächsten Morgen begann eine aufregende Woche für  Bommel, Ozielito, Marie, Clemens und 11 Kinder.  

 

Bei strömenden Regen luden Marie und Clemens den VW-Bus ein. Dem Gepäck nach zu urteilen unternahmen sie jetzt eine Weltreise. Bommel und Ozielito saßen in mitten zwischen Fernseher, riesengroßen Pappen, Kartons, Coladosen und Koffern. Als endlich alles verstaut war, ging die Reise los. Mann, war das ein Sauwetter! Der Scheibenwischer schaffte es kaum die Sicht freizuhalten. Da, auf der Autobahn ein Unfall! Das arme Auto lag total zerbeult im Straßengraben. Glücklicherweise schien den Insassen nicht viel passiert zu sein. Sie standen triefend nass neben ihrem Schrottaufen und warteten auf die Polizei. Im Rückspiegel sah man sie schon heranrauschen. Einige Autos hatten gehalten um zu helfen. So konnte Clemens weiterfahren. Bommel war etwas mulmig im Magen. Sollte man nicht denken, bei dem Formel1 Guardian Angel mit der großen Klappe. Ozielito dagegen nahm es cool. Er sang leise vor sich hin „Gern hab ich die Frau`n geküsst….“. Auch eine Art sich Mut zu machen.

 

Nach einer kleinen Ewigkeit trafen sie Braunschweig ein.

Das Jugendgästehaus bestand aus mehreren Häusern eingebetet in einem riesigen Park. Auf einem engen Fußweg rollte der VW-Bus zu einen der Flachbauten heran. Marie hatte eine ganze Etage gemietet. In Windeseile luden Clemens und Marie den Wagen bei strömenden Regen aus. Und verfrachteten alles erstmal in einen großen Aufenthaltsraum. Irgendwo fanden sich die beiden Kleinen etwas irritiert in dem Chaos wieder. Sie beschlossen erstmal die Gegend zu inspizieren. In ihrem Urteil waren sich ausnahmsweise einmal einig. Es gab nichts zu meckern, alles Spitze hier!

Super eingerichtete Zimmer mit Dusche und WC. Eine große Küche, einen großen und kleinen Aufenthaltsraum und ein eigener gemütlicher Fernsehraum. „Was ist? Kommt ihr wieder mit zurück die Kinder holen oder bleibt ihr hier?“ rief Marie durch den langen Flur. Oz und Bo schauten sich an „Wollen wir hier bleiben?“ „Ne, “  entschied Oz „stell dir vor die kommen nicht wieder. Ne, ich fahre mit zurück! Du kannst ja hierbleiben.“ Das wollte Bommel nun auch nicht. Also alles wieder rein in den Bus und die Kinder holen. Gott sei Dank hatte Petrus den großen Wasserhahn endlich abgestellt.

 

Ein aufgeregter Haufen von Eltern, Kindern und Koffern begrüßten sie freudig. Alles Einsteigen und Abfahrt! Denkste! Die Bustür klemmte! Mit vereinten Kräften ließ sie sich endlich doch schließen.

 

Gleich nach dem Eintreffen in ihrer „Nobelhütte“, schärften Marie und Clemens den Kleinen ein, was hier für eine Ordnung zu herrschen habe. Die Gardnienpredigt brauchten die meisten gar nicht, sie waren schon von der Umgebung schwer beeindruckt.

 

Der Bezug der Zimmer stand auf der Tagesordnung. „Tobias und Matthias, ganz nach hinten in die Zimmer“, gab Marie klare Anweisungen. „Elke und Melanie gegenüber, daneben Mike und Sebastian, dann Ralf und Christian. Das nächste Zimmer beziehe ich. Eins weiter wohnt Clemens. Und die Damen Inga, Wiebke und Kerstin bekommen ein extra Appartement hier vorn. Jetzt wird kurz ausgepackt. Um 12.30 Uhr treffen wir uns in der Mensa, Haus Nummer 1, zum Essen. Danach beziehen wir unsere Betten. Alles klar?“

„Was ist Mensa?“ wollte Bommel wissen. Da er aber weder zu sehen noch zu hören ist, vernahm es niemand außer Marie. Sie nahm die Frage für die Anderen auf. „Falls einer nicht weiß was eine Mensa ist, das nennt man auch den Speisesaal in einer Hochschule.“  Hm, gut zu wissen. Einige hatten dazugelernt: Mensa – Speisesaal.

 

Jeder verschwand in seinem Zimmer um die Koffer auszupacken. Das ging natürlich nicht lautlos ab. Dem geräuschempfindlichen Ozielito wurde es eindeutig zu viel. Man muss wissen, Opernsänger haben sehr feine Ohren und vertragen lärmende Geräusche überhaupt nicht. „Marieeee“ schrie er entnervt „wo ist mein Ohropax!!!! Ich werde wahnsinnig!!!“ „Ach, ich dachte du bist es schon“ kam es ganz trocken von Bommel zurück. „Sei nicht schon wieder so frech zu Ozielito“ wies Marie ihn streng zurecht und steckte Oz das Ohropax in seine Ohren. „Es tut mir leid Ozi, aber da musst du durch“ tröstete sie ihn „Kinder sind nun mal manchmal recht lebhaft und laut“. Leidende große runde dunkle Augen schauten Marie traurig flehend an. „Ach, mein kleiner Ozielito! Das wirst du überstehen. Denk doch an deine herrliche Aufgabe: du darfst eine Oper mit inszenieren!“  Bei dem Wort Oper trat ein kleines Funkeln in seine wunderschönen Augen zurück.

 

Dann wurde es still auf der Etage. Die Truppe war zum Essenfassen abgezogen. Der kleine Ozielito zog sich in Maries Zimmer ins Bett zurück um sich zu erholen. Bald träumte von den Brettern die seine Welt bedeuteten.

 

Ein durchdringendes „Marieeeee! Hilfe!!“ weckte ihn unsanft auf. Was war denn jetzt um Himmelswillen schon wieder los? Da flog die Zimmertür auch schon auf und Christian stürmte herein. Bommel gleich hinterher. „Hier ist sie nicht“, schrie Christian in den Flur „Marieeee! Wo bist du??“ zog er wieder ab und knallte die Tür zu. „Was ist passiert?“ fragte Ozielito Bommel verstört. Der war ganz aufgeregt. „Das musst du dir ansehen“ berichtete er „die Kids sind am Bettenbeziehen. Eine riesen Gaudi. Los komm mit!“ 

 

Tobias und Matthias verwechselten Bettenbeziehen mit einer Kissenschlacht. Ralf führte einen vergeblichen Kampf mit seinem Bett und dem Bezug. Irgendwie lies der blöde Bezug sich nicht richtig über das Bett ziehen. Das Ganze sah eher aus wie eine große unförmige Kugel. Als Marie das Zimmer betrat, sah Ralf sie Hilfe suchend an. „Ach kein Problem Ralf, das haben wir gleich“ und Ruck Zuck war das Bett bezogen. Clemens half Mike und Sebastian beim Bettenbauen. Natürlich nicht ohne Kissenschlacht. So sind die Männer halt, immer etwas verspielt. Bei den Mädchen ging es gesitteter zu, aber nur ein bisschen. Nach geraumer Zeit war diese Aktion beendet. Jetzt wurde es ernst.

 

Einzug und Aufgabenverteilung.

 

Die Truppe traf nach und nach im Fernsehraum ein. Die Stimmung könnte man als gemischt bezeichnen. Die einen saßen schon gespannt da, andere hielten es für angebracht, sich erst mal durch dumme Sprüche wichtig zu machen. Doch Donnerwetter, Clemens konnte ganz schön energisch werden. Er brachte die Leute wieder auf den Teppich. Fürs Erste jedenfalls. „Wau! Und ich dachte der wäre harmlos!“ wunderte sich Bommel. Nach Einführung von Clemens über das Warum, Wieso und Weswegen sie hier sind, kam der schwierigste Teil  für die Kids. Und am schlimmsten traf es den armen Bommel. Zwei Stunden stillsitzen und eine komplette Oper hören und schauen! Erstaunlicher weise verhielt er sich sehr diszipliniert. Keine Sticheleien in Richtung zum kleinen Mexicaner. Der war hin und weg. Neben ihm hätte eine Bombe explodieren können. Er hätte es nicht einmal wahrgenommen.   

 

Die Gruppe bekam Aufgaben gestellt: Welche Musikstücke könnten wir verwenden. Welche Requisiten brauchen wir. Welche Rollen gibt es und wer könnte welche Rolle übernehmen   Nach dem 2. Akt gab es eine Pause. Schau an da, wurde schon eifrig diskutiert. Die meisten hatten Feuer gefangen. Ein großes Kompliment an alle für ihre Konzentration. Für sie war es die erste Oper, die sie je komplett gesehen hatten.

 

Zum Abschluss teilten Clemens und Marie die Arbeitsgruppen ein. Clemens übernahm die Gruppe Text. Dazu gesellten sich: Elke, Inga, Mike, Sebastian und Tobias. Marie entschied sich für den Kulissenbau. Sie hatte von nun an Hilfe von Matthias, Melanie, Wiebke, Kerstin, Christian und Ralf.

 

Inzwischen wurde es Zeit zum Abendessen. Die Gruppe zog gemeinsam in Richtung Speisesaal.

 

Bommel inspizierte mal kurz die Etage. Unten am Hauseingang lagen 13 Paare Hausschuhe munter durcheinander gewürfelt herum. „Ach ja, “ dachte sich Bommel „das war ja auch so eine Anordnung von Marie. Im Haus werden keine Straßenschuhe getragen!“ Gedankenversunken tippelte er weiter zum Aufenthaltsraum. Hier sah es alles andre als ordentlich aus. Hier wohnte das Chaos! Seine Aufmerksamkeit fiel in eine Ecke. Donnerwetter, was war denn das? Ein süßer Traum? Hmm.. sah das lecker aus! Ein himmlisches Büfett aus lauter Süßigkeiten! Er verschwendete einen kurzen Gedanken: sollte Ozielito holen? Nö, entschied er, alles mein! Na ja, bei dem kleinen Magen von Bommel fiel es nicht weiter auf, wenn ein Stücken Schokolade fehlte.

 

Später stellte sich heraus, dass war der Kioskstand für die Kids um ihr Bedürfnis nach Süßem zu stillen. Einkaufen konnten sie ja die ganze Woche hier nirgendwo. Und bei geistiger Arbeit braucht es Süßigkeiten. Sie regen die Gehirnzellen an.

 

Noch am gleichen Abend begann die Aktion:

Die Kinder der AWO gestalten die Oper Hänsel und Gretel von Humperdinck.

Ozielito hatte ausgeschlafen und war voller Tatendrang. Natürlich marschierte er bis in die Haarspitzen motiviert zur Gruppe „Text und Musik“

Bommel zog mit Marie in den großen Aufenthaltsraum zum Team „Bühnenbau“.

 

In beiden Gruppen wurde erstmal ein Brainstorming – Ideenfindung veranstaltet.

Und die Ideen strömten nur so, trotz fortgeschrittener Stunde.

 

Bis Marie zum Zapfenstreich blies. Wer glaubte für heute war es das, der irrte. Zunächst verschwanden alle in ihren Zimmern. Doch wenig später begann eine kleine Volkswanderung auf dem Flur. Einer nach dem anderen spazierte im Schlafanzug in Maries Zimmer. Es wurde recht eng dort. Man traf sich zur sogenannten „Dämmerstunde“ mit Marie und Clemens. 

 

Ozielito war entsetzt „Caramba!!!! Qué es otra vez libre ahora?“ sollte heißen: „Donnerwetter! Was ist jetzt schon wieder los?“ Dabei verfärbte sich sein Kopf  tiefrot. „Nu, bleib mal ganz cool, du Mexboy! Hier tobt eben das wahre Leben. Hättest ja zu Hause bleiben können.“ Knurrte Bommel ihn an.“ Wer war den von der Idee soooo begeistert hierher zu fahren?“ schob er gehässig noch nach. Ozielito erwiderte nichts mehr darauf. Wer genau hinsah, konnte kleine Rauchwölkchen aus seinem Helm steigen sehen.

 

Die kleinen Künstler ließen noch einmal den vergangenen Tag an sich vorbeiziehen. Bis auch der Letzte seinen Senf abgegeben hatte und keine Fragen mehr offen waren. Endlich verkrümelten sich alle in ihre Zimmer. Es herrschte endlich Ruhe. Ozielito verschwand total erschöpft in sein kuscheliges Bettchen und schlief sofort ein.

 

Marie und Clemens verschwanden leise aus der Tür. „Wo wollen die denn noch hin?“ dachte Bommel bei sich. Er war überhaupt noch nicht müde. Er schlich auf leisen Sohlen in gebührenden Abstand hinterher.

 

Aus dem großen Aufenthaltsraum hörte er ein leises „zisch, zisch “. Was zum Teufel war da los? Leise öffnete er die Tür. Seine Augen wurden noch größer als sie eh schon waren. Was machen die denn da? Marie und Clemens hatten ihre Köpfe mit Handtüchern vermummt, hielten in ihren Händen Spraydosen und sprühten Farbe auf ein riesengroßes braunes Packpapier. Die Fenster waren sperrangelweit geöffnet. Der kalte Nachtwind wehte durch den Raum. Auf dem Packpapier entstand langsam ein finsterer Wald. Allmählich dämmerst es Bommel. Dort entstand gerade die Kulisse für die Oper. Fasziniert schaute er zu. Jedoch plötzlich begann es in seinem Kopf seltsam zu schwirren. Als hätte er einige Bierchen zu viel genossen. Plötzlich begriff er schlagartig warum die beiden vermummt waren. Die Spraygase! 

Völlig benebelt wankte er in sein Bettchen. Manchmal wäre es besser nicht so neugierig zu sein, dachte er noch bei sich und sank in das Land der Träume. Irgendwann nach Mitternacht fanden Clemens und Marie auch ihre Betten.

 

 

 An die Arbeit.

 

Normalerweise wurden Bommel und Ozielito von Marie geweckt. Heute schien das umgekehrt. Kein Wunder, wenn man erst so spät ins Bett geht. Der erste Nasenstüber von den beiden half gar nichts. Da musste man eben größere Geschütze auffahren. Vorhang auf! Auch keine Reaktion. Jetzt folgte die Hammermethode. Am rechten Ohr platzierte sich Bommel, am linken Ohr der kleine Opernsänger. Zur gleichen Zeit legten sie los. Rechts dröhnte ihr ein tolles Motorengeräusch, und links schmetterte ihr „Wach auf meines Herzens Schöne…“ in die Ohren. Das half. Marie war wach. „ Dankeschön“ brummte sie verschlafen, “geht das auch ein bisschen leiser?“ „Nein, ging es nicht“ kam es völlig unschuldig zurück. Vom Zimmer nebenan klang ein fröhliches Pfeifen von Clemens herüber. „Hörste? Der ist schon lange wach, “ meinte Bommel.

Der Flur draußen füllte sich langsam mit Leben. Doch keiner wagte es an ihrer Tür zu klopfen. Was für liebe, rücksichtsvolle Kinder sie doch hatten.

 

Die beiden Schlingel entschieden sich heute Morgen mit zum Frühstück zu gehen. Bei miesem Nieselwetter lief die gesamte Truppe durch den kleinen Park zum Speisesaal. Dort wartete auf sie schon in einem extra Zimmer ein gedeckter Tisch. „Schau an“, flüsterte Bommel „wir sind die Jüngsten auf dem Gelände.“ „Ja, ich weiß. Hoffentlich benehmt ihr euch auch, “ gab Marie zurück. Sie wurde nicht enttäuscht. Fast alle verhielten sich wie die Engelchen. Na ja, bis auf zwei kleine Teufelchen. Die bekamen später ihren speziellen Denkzettel à la Marie.

 

Marie und Clemens hatten da so ihre bewährten Rezepte. Doch davon später mehr.

Gestärkt und in Hochform begannen die jüngsten Seminarteilnehmer ihren Arbeitstag.

Alle verschwanden geschäftig in ihre Arbeitsräume.   

Im Team Kulissenbau wurde eifrig gewerkelt. Mittendrin natürlich der Bommel. Er hopste von einem Arbeitsplatz zum anderen um die Entstehung der einzelnen Requisiten zu überwachen. Er fand nirgends etwas auszusetzen. Das fand er richtig doof.

Melanie rechnete laut vor sich hin „hm, 125 mal 5 sind äh….. Mensch da müssen wir ja für die Pfefferkuchen auf dem Dach 500 Punkte und 150 Herzen aufzeichnen und zuschneiden! Mein lieber Mann!“ „Dann haltet euch mal ran“ , klang es aus der anderen Ecke von Marie. Sie war mit Matthias beschäftigt, aus großen Pappen das Hexenhaus zu gestalten. Wiebke und Kerstin, übrigens die Jüngsten im Team, bissen sich beim Zuschneiden vor Eifer fast ihre Zungen ab. Ralf klebte versonnen die Punkte, Herzen und Sterne auf die Papppfefferkuchen. Christian beschäftigte sich damit, die Buntstifte anzuspitzen. Außerdem schaffte er Ordnung auf dem Arbeitsmaterialtisch. Über alles dudelte leise das Radio. Alles in allem herrschte eine sehr harmonische Atmosphäre.

 

Und wie sah es in der anderen Arbeitsgruppe aus? Dort herrschte die Atmosphäre einer Klassenarbeit. Ruhe und Konzentration. Ozielito war in seinem Element. Er genoss die Stimmung und die Stille. Auf der linken Schulter von Clemens verfolgte er das Geschehen.

Das Team entwickelte gemeinsam das Manuskript zur Oper. Es musste speziell für die Aufführung zugeschnitten werden. Die Musikstücke wurden platziert. Klar war wo die Ouvertüre und das Finale hingehörten. „Auf jeden Fall muss das Abendgebet mit hinein“ bestimmte Clemens. „Oh ja“, schwärmte Ozielito bei sich, „ das ist das schönste Stück der ganzen Oper.“ Ganz leise stimmte er hingebungsvoll an und dabei zitterte sein kleiner Bommelbauch: „abends wenn ich schlafen geh, 14 Engel um mich stehen……“ Leider konnte niemand seine wunderschöne Stimme vernehmen.

 

Fest stand auch, dass Clemens die Geschichte vorlesen würde und die Darsteller kleine Texte sprechen werden. Bei der Arbeit entstand eine merkwürdige Konversation.

 

Sätze flogen hin und her. „Kann man schreiben: Erbost über die Faulenzer?“ „Ja, das ist gut!“ „Was ist mit dem Hexenritt?“ „Das ist nicht so entscheidend.“  „Wie schreibt man den Humperding mit g oder ck?“ „Mit ck.“ „Wie sollen die Pfefferkuchenkinder heißen?“ „Die haben keine extra Namen.“ „Was soll den Gretel zu Hänsel sagen, wenn er von dem Hexenhaus die Pfefferkuchen bricht?“ „Hänsel! Oh weh! Was tust du!“ „Ja, das ist gut!“

usw. usw.

 

Die Arbeitsgruppen waren so in ihren Ausführungen vertieft, dass sie zu spät zu Mittagessen kamen und vom Personal etwas schief angesehen wurden.

Marie empfahl nach dem Essen zwei Stunden Pause. Sie hatte die Rechnung ohne ihre Arbeitswütigen gemacht. Nicht einmal eine Stunde dauerte es und alle saßen wieder eifrig beisammen.  

 

Am Abend war die Arbeit von Team Text vollendet. Und sogar der kleine Opernsänger schaute stolz und zufrieden drein.

 

Am folgenden Tag stürzten sich alle auf den Kulissenbau.

 

Bei der abendlichen Dämmerstunde gab es dafür ein dickes Lob von Clemens und Marie an ihre Truppe. Aber es gab auch eine böse Überraschung für die kleinen Teufelchen, die sich tagsüber recht daneben benommen hatten. Jetzt startete die Aktion „Sanfte Erziehung“ Clemens zeigte allen die „Punktetafel“. „Hier werden wir ab sofort euer Benehmen bewerten“, erklärte er. „Es werden Plus- und Minuspunkte vergeben. Wer drei Minuspunkte auf seinem Konto hat, der darf am Mittwoch nicht mit zum Schwimmen fahren.“  Es folgte ein großes Protestgeschrei bei den Übeltätern. Wie sich jedoch herausstellte, wirkte die Tafel wahre Wunder.

 

  Die Künstler proben.

  

Tag darauf wurde Marie das dumme Gefühl nicht los, nur noch von Engelchen umgeben zu sein. Weihnachten stand doch noch gar nicht vor der Tür, oder doch? Richtig unheimlich war das. „Marie, darf ich dir helfen?“ „Clemens, möchtest du einen Kaffee?“ Mike und Sebastian fehlten nur noch die Flügel. „Marie, würdest du bitte mal schauen, ob das so gut ist?“ Letzteres kam von Elke, die gerade den Backofen für die Hexe fertig gestellt hatte. Und Matthias arbeitete hingebungsvoll an der Verzierung des Hexenhauses. Tobias saß mit dem Recorder in einer Ecke. Der angehende Tonmeister lauschte andächtig der Overtüre zu Hänsel und Gretel. Wer lauschte da wohl auch noch gedankenversunken mit? Klar unser kleiner mexicanische Opernsänger. 

 

Mit andern Worten, es herrschte Friede, Freude, Eierkuchen.

 

„Wir sollten langsam mit den Proben beginnen“, schlug Clemens vor. „Du hast recht, auch wenn der Bühnenbau noch nicht abgeschlossen ist, “ bestätigte Marie  „lass uns nach dem Mittagessen beginnen.“  Gesagt getan, die erste Probe startete.

Alles an seine Plätze!“, tönte es von Clemens „Wir beginnen! Tobias lass die Kamera laufen!“

 „Na jetzt bin ich mal gespannt, wie die das hinbekommen, “ raunte Bommel zu Ozielito. Die beiden hatten es sich in der ersten Reihe bequem gemacht. Marie traute ihren Augen nicht! Donnerwetter! Die beiden Streithähne saßen nebeneinander? Sollten sie ihr Kriegsbeil endlich mal begraben haben? Man wird sehen.

Clemens begann seinen Text zu lesen: „In einer kleinen dürftigen Stube……….“   Was nun folgte konnte sich durchaus mit echten Künstlern messen.

Clemens gab Regieanweisung: „Nein, Nein das hört sich an als würdest du gleich einschlafen, Inga. Da muss mehr Power rein! Furcht, Angst! Immerhin hast du deine Kinder in große Gefahr gebracht. Marie komm her, wir zeigen ihr wie wir uns das denken.“  Maries Darstellung löste einen absoluten Lachkoller aus. Sie kannte den Text noch nicht und improvisierte. Aber wie!! Auf die Frage vom Vater (Clemens) ob sie nicht wüsste, das im Wald die böse Hexe wohnte kam statt des vorgesehenen Textes nur ein  „Nö“.  Bommels Bauch zitterte vor Lachen. Er haute seinen Kumpel so in die Seite, dass der unsanft auf dem Boden ladete. Was Oz veranlasste, als er wieder auf dem Stuhl geklettert war, Bo zu vermöbeln. Und kleine Mexicaner können das sehr gut. Opernsänger hin oder her, Ozielito ist in erster Linie auch ein Mann. Da Marie auf der Bühne stand und nicht eingreifen konnte, war das Resultat der Prügelei, zwei blaue Augen. Eins bei Oz und eins bei Bo.

Nach dem sich alle wieder eingekriegt hatten ging die Probe weiter.

„Schluss ! Stopp ! Wo bleibt die Musik? Tobias träumst du?“ „Moment, kommt gleich“ „Mensch, die Einsätze musst du üben. Die Einsätze sind das Wichtigste! Sonst können wir einpacken!“ „Ja, ja ist ja gut“ brummte der zerstreute Professor Tobias.      

Ozielitos Lieblingslied ertönte. „Abends wenn ich schlafen gehe……“ zu den Klängen traten die Engel auf die Bühne. Sie platzierten sich um Hänsel und Gretel. Oz war so gerührt! Er vergaß sein blaues Auge und schmachtete dahin. Was Bo mit einem frechen Grinsen registrierte.

Großer Kulissenumbau. Die Bühnentechniker Mike, Sebastian und Melanie gaben ihr Bestes. „Ihr habt viel Zeit. Die Musik ist lang genug, also keine Hektik bitte!“ rief Marie.

Prompt tanzte Mike mit einem Stück vom Hexenhaus im Takt über die Bühne. „So hab` ich das auch nicht gemeint“ , kam es gleich von der Regie zurück. „etwas mehr Ernsthaftigkeit wenn ich bitten darf!“

Die Kulissen standen. Die Pfefferkuchenkinder auch; das heißt die echten versteckten sich noch. Die Musik verklang. „Im Morgengrauen trat der Taumann zu den Kindern……“ las Clemens weiter. Das Zeichen für Hänsel und Gretel aufzuwachen. Doch Hänsel rührte sich nicht. „Hee Ralf! Ralfii! Ha, der ist richtig eingeschlafen!!“ prustete Clemens los. Die nächste Lachsalve war fällig.

So ging es munter weiter. „Lass doch den Backofen stehen, Elke!“ rief  Marie später lachend. Das Ofenloch war offensichtlich noch zu klein geraten.

Der Ruf „Nun ist die böse Hexe tot!“ klang wie aus dem Leierkasten. Das war durchaus noch verbessern.

Der Schlusstanz glich einem Tanz um den Marterpfahl. Natürlich tobte Bommel mit, während Ozielito sich die Schlussmusik verinnerlichte.

Das Resümee dieser ersten Probe: im Großen und Ganzen eine respektable Leistung. Alle waren mit sich und ihrer Leistung zufrieden.

An diesem Abend legte Clemens unbewusst den Grundstein für eine mittlere Katastrophe, die am nächsten Tag auf alle wartete. Er bekam die glänzende Idee die Innenfläche des Hexenhauses als Kulisse für den 1. Akt zu verwenden. Beim Umbau brauchte dann nur das Hexenhaus gewendet werden. Einheitliche Meinung: sehr praktisch, einfach genial!

Eifrig begannen Elke und Inga weiße Textiltapete auf die Innenseite des Hexenhauses zu kleben. So trocknete sie über Nacht. Und morgen konnte die Wohnstube darauf gestaltet werden.

 

Nach einem reichhaltigen Frühstück am nächsten Morgen marschierten alle zur ersten Theaterprobe. Sie verlief sehr zufriedenstellend.

Danach begann die Arbeit an der Ausgestaltung des ersten Bildes: „Die Besenbinderstube“. Die Rückseite des Hexenhauses verwandelte sich langsam in ein Wohnzimmer.

Marie blieb dabei unbeteiligt. Vielleicht wäre es besser gewesen sie hätte das nicht getan.

Sie übte derweil mit Wiebke und Ralf den Tanz „Brüderchen komm tanz mit mir„. Das Lied allein erschien ihr zu langweilig. Sie wollte noch ein Musikstück einfügen. So saß sie bald darauf mit Clemens zusammen und pfiff die Melodie, die noch in den Tanz eingebaut werden sollte. Clemens schrieb nach ihrem Pfeifen die Noten auf. Erstaunlicherweise richtig, worüber sich Ozielito sehr wunderte. Marie pfiff fürchterlich falsch. Er liebte seine Marie wirklich sehr, aber das Singen und Pfeifen tat seinen Ohren weh. Das sollte sie wirklich bleiben lassen.

 

 Die (über)eifrigen Bühnenbauer.

 

Bommel überwachte inzwischen die Arbeiten am Käfig in dem Hänsel eingesperrt werden sollte. In Maries Zimmer hatten sich Tobias, Sebastian und Elke breit gemacht. Das Zimmer hatte den Charakter einer Werkstatt angenommen. Überall lagen Scheren, Stifte, Klebeband, Pappen, Schnipsel herum. „Hm“, dachte er bei sich, „ was würde wohl Marie zu dieser Unordnung sagen?“  Die Antwort ließ nicht lange auf sich warten. „Na, hier sieht es ja lustig aus!“ Marie steckte den Kopf zur Tür herein. „Hoffentlich brauche ich in diesem Chaos nicht zu schlafen!“ „Nein, nein Marie. Wir bringen alles wieder in Ordnung“ kam es unschuldig zurück. „Na, da bin ich ja mal gespannt“. 

Sie steuerte den großen Aufenthaltsraum an.

Bommel entschloss sich mitzugehen. Was heißt gehen? Er hüpfte auf ihre Schulter und lies sich tragen. Unterwegs hopste noch jemand auf ihre Schulter. Wohlweislich auf die andere Seite. „Na meine beiden Helden? Habe ich euch zu viel versprochen? Gefällt es euch hier? “  „Hm, ist mal etwas Anderes. Macht Spaß im Chaos zu toben. Ist nicht langweilig.“ resümierte Bommel zufrieden. „Wenn man die Geräuschkulisse der Kindern herunterdrehen könnte, wäre ich fast glücklich“, brummelte Ozielito. „Och, du Armer“ stichelte Bo sofort drauflos „und wenn du nicht so ein bornierter Opernsänger wärst, würdest du es genießen. Mariee, warum hast diesen dämlichen Kerl überhaupt entstehen lassen!?“ Dazu enthielt sie sich diplomatisch der Stimme. Sie wusste genau, ein falsches Wort und es würden wieder die Fetzen fliegen. Stattdessen meinte sie“ Lasst uns schauen was unsere Lieben so treiben.“

Das Team hatte Großes geleistet. Das Bühnenbild für den 1. Akt lag auf dem Fußboden und wurde liebevoll bearbeitet. Es prangte auf ihm ein Bücherregal mit vielen Büchern. Eine prunkvolle Wanduhr, ein Hocker mit einem schwarzen Kater darauf. Ein großer Kachelofen und noch ein Regal mit Blumentöpfen. Alles auf Tonpapier fein zugeschnitten und aufgeklebt.  „Bitte stellt das Bühnenbild doch mal auf“,  bat Marie. Stolz richteten die Bastler ihr Werk auf.

Clemens und die anderen waren hell begeistert von ihrem Werk. Bommel übrigens auch. Nur Marie wurde sehr nachdenklich. Wer sie genau kennt, sah da etwas in ihren Augen blitzen das Unheil versprach. „Ja“, begann sie nachdenklich zu sprechen. „Das sieht wirklich ganz toll aus. Nur zu gut! Meint ihr nicht auch? Schaut doch mal genau hin! Ich würde sagen, das ist völlig am Thema vorbei. “ Clemens kühlte sichtlich ab. Marie fuhr fort, “ Die Kulisse ist toll. Aber nicht für Hänsel und Gretel. Die wohnen bekanntlich in einer armen Besenbinderstube und nicht im Grand Hotel! Hiermit blamieren wir und garantiert!“ Uff, das war der k.o. -Schlag für alle.

Nur einer konnte sich vor Schadenfreude nicht einkriegen. Wer wohl? Oz stichelte zu Bo  „Oh du großer Bühnenbauer! Ha, Immer große Klappe, aber nichts im Gehirn! Wollest du Hänsel und Gretel ins Grand Hotel verlegen?“ Diesmal stiegen kleine Rauchwolken aus Bommels Helm.

Die Andern machten nur ein langes Gesicht. Sie bekamen die ewigen Streitigkeiten der beiden ja nicht mit. „Was sollen wir nun tun?“ kam es kleinlaut herüber. Schließlich kam von Clemens nur ein Wort „Ab-rei-ßen!“.

Die Atmosphäre sang unter Null Grad. „Wir versuchen vorsichtig die Tapete abzureißen. So können wir die schöne Dekoration für nächstes Jahr noch retten.“ War ein Vorschlag. Sie trennten vorsichtig. Das klappte nicht. Die Tapete klebte zu fest. Jetzt rissen sie richtig.

Plötzlich spürte Marie etwas in ihrem Nacken. Es war das Gefühl, als stünde da jemand hinter ihr. Ja und tatsächlich! Da stand der Rest der Kinder, die mit anderen Dingen beschäftigt waren. Sie schauten unverständlich und mit offenen Mündern was da vor ihren Augen passierte. „Seid ihr jetzt übergeschnappt? Oder was ist in euch gefahren alles abzureißen?“ Die Betroffenen klärten sie auf. In Tobias kehrte zuerst das Leben zurück. Mit flotten Sprüchen versuchte er die Deprimierten aufzuheitern. „Da bleiben wir eben einen Tag länger hier und bauen neu. Ist doch ein guter Vorschlag. Ist doch Spitzte hier! Wir könnten die Kulisse auch so lassen. So sieht sie richtig ärmlich aus. Findet ihr nicht?“ schloss er mit seinen Vorschlägen ab. „Clemens, ich denke es gibt eine zweite Nachtschicht für uns!“ entschied die Chefin. Zu den anderen sprach sie bestimmend „ Räumt bitte alle, wohlgemerkt ALLE erstmal hier auf. Danach proben wir das Stück noch mal bevor wir zum Essen fahren. Und so geschah es dann auch.

 

Das Seminar neigt sich dem Ende.

 

 Gegen 18.00 Uhr saß alles im Bus und ab ging es zum Pizzaessen. Spätestens jetzt war auch der Letzte wieder fröhlich.

In einer kleinen verträumten Pizzeria war der Tisch schon für sie gedeckt.

Beeindruckt von der Restaurantatmosphäre verwandelten sich selbst die Rabauken in kleine Engelchen. Brav unterhielten sie sich im gedeckten Ton. Jeder studierte die Speisekarte. „Marie“, flüsterte Wiebke „ wie soll ich denn bestellen? Wie geht das?“ Marie erklärte es der Jüngsten der Gruppe. Nach der Bestellung begann das große Warten. Eine geschlagene Stunde dauerte es bis die erste Pizza auf dem Tisch stand. Überall knurrten schon die Mägen. Doch erstaunlicher Weise kam kein Mucks der Beschwerde über die Lippen. Was waren das doch alles für Engelchen an diesem Abend. Soviel Bravheit wurde von dem Gastwirt belohnt. Jedem gab er ein großes Eis aus. Zufrieden und satt kehrten sie zurück in ihre Herberge.

 

Der letzte Abend begann mit einer Theaterprobe. Der weitere Verlauf sah so aus:

Einige packten schon mal ihre Sachen zusammen, andere schauten ein bisschen in die Röhre.

Für Clemens und Marie war der Abend noch lange nicht zu Ende. Mir reichlich Kaffee ausgestattet starteten sie die Aktion „Kulissenumbau“. Recht bald gesellten sich einige der Großen dazu. Es wurde eine lange, lange Nacht.

Der Rest lag schon längst in den Betten und träumte süß.

 

In der Werkstatt schien es keinen Feierabend zu geben. Dort wurde gemalt, gemessen, geschnitten, gespritzt und geklebt. Sehr gesprächig war man nicht mehr. Oz und Bo verspürten auch keine Lust mehr sich anzuzicken. Sie saßen sehr, sehr müde weit von einander getrennt und verfolgten schweigsam nur noch das Geschehen.

Marie erhob die Stimme „ So Leute, jetzt habe ihr endgültig Sendepause. Ihr kommt ja morgen nicht aus den Betten. Also ab mit euch!“ Murrend verschwanden die kleinen Helfer. Für eine halbe Stunde werkelten Marie und Clemens allein weiter. Dann flog die Tür auf „Mariee, wir können nicht schlafen!“ klang es auf einmal. „Ihr seid unmöglich!“ schimpfte sie. Schließlich ließ sie sich breitschlagen und die Arbeitswütigen durften weiter mitarbeiten. Endlich nach einer weiteren gefühlten Ewigkeit stand es da, das neue Bühnenbild.

 

Es gibt nur ganz wenige Momente in dem sich Bo und Oz einig waren. Dieses war gerade so ein „historischer“ Moment. Von Bommel kam ein „Mensch das sieht cool aus!“ und Ozielito äußerte sich auf seine spezielle Art „fantàstico, bombàstica, grandiosa, esto el decorado!!!!“  Und seine dunklen runden Augen strahlten mal wieder wie die Sterne am Opernhimmel.

Auch die völlig übermüdete kleine Arbeitsgruppe schaute zufrieden und glücklich drein. „So, dass wäre geschafft! Es sieht super aus! Damit schinden wir garantiert Eindruck.“ War die einhellige Meinung. Gegen Morgengrauen fielen die Letzten ins Bett.

 

In dem großen Frühstückesraum, sahen auch einige Erwachsende  etwas blass um die Nase aus. Die hatten in der letzten Nacht aber garantiert etwas anderes veranstaltet!

 

Zum Schluss sei noch anzumerken: Diese Aufführung wurde ein voller Erfolg. Die Anstrengungen hatten sich gelohnt. Was ist doch das Schönste für einen Künstler? Richtig der Applaus von einem begeisterten Publikum, nicht war Ozielito?